Auf einer meiner Reisen an die Ränder der Städte und Dörfer Ost- und Südosteuropas begegnete mir im ungarischen Gyöngöspata János Farkas. Er ist der Sprecher der lokalen Roma und lebt in einem kleinen, unverputzten Haus mit 16 weiteren Familienangehörigen an einer Straße, deren Bilder wenige Jahre zuvor um die Welt gingen. Uniformierte rechtsradikale Milizen belagerten 2011 unbehelligt von der ungarischen Polizei wochenlang die Roma-Siedlung, veranstalteten Aufmärsche, drohten den hier lebenden Roma und bewarfen ihre Häuser mit Steinen. Eine Pogromstimmung, die zum Ziel hatte, die Roma von hier zu vertreiben. Nachdem ein 13-jähriger Roma-Junge von den rechtsradikalen Marschierern bewusstlos geschlagen und schwer am Auge verletzt wurde, eskalierte die Situation. Bei Auseinandersetzungen gab es mehrere Verletzte unter Roma und rechtsradikalen Milizen. Erst jetzt, als sich die Roma zur Wehr setzten, schritt die Polizei ein und rund 300 Roma wurden vom Roten Kreuz für einige Tage aus Gyöngyöspata evakuiert.

Bevor ich mit einer Dolmetscherin von Amnesty International aus Budapest zu János Farkas aufbrach, erkundigte ich mich, ob er ein Interview in Romanes, der Sprache der Roma, oder auf Ungarisch führen wolle. Seine Antwort lautete, er spreche kein Romanes. Seine Vorfahren lebten seit 600 Jahren in Ungarn und er würde gerne in seiner Muttersprache mit uns sprechen.

Die stereotypen Bilder „vom fahrenden Volk“ greifen hier nicht. Vielmehr kann man am Versuch János Farkas aus seinem Dorf zu vertreiben begreifen, warum Sinti und Roma seit Jahrhunderten durch die Lande ziehen müssen. Aufenthalts-, Niederlassungs- und Arbeitsverbote sind auch in Deutschland seit dem späten Mittelalter bis in die Nachkriegszeit immer wieder Realität für Sinti und Roma. Auch der Holocaust an rund 500.000 europäischen Sinti und Roma hat daran nichts geändert, wie zahlreiche Beispiele vor allem aus den 1950er und 60er Jahren belegen.

János Farkas lebt in seiner ungarischen Heimat. Gerade deswegen trotzt er dem Mob, der ihn und andere Roma-Familien aus dem Dorf vertreiben will. Diese tiefen Wurzeln der Roma passen nicht zu den nationalen Vorstellungen und Visionen eines „Großungarn“. Ignorierend, dass die Roma längst Teil Ungarns sind und die ganze Menschheitsgeschichte eine Geschichte von Migration ist. „Der Rassenwahn“ prügelt dann eben seine Bilder zu Recht, wenn sie ihm nicht passen. Zäune und Stacheldraht wirken nicht nur nach außen, sondern sind auch Symbol der eigenen Beschränktheit.

Es gibt eine 1156 Seiten dicke Enzyklopädie „Migration in Europa“ bei deren Lektüre es „dem Großungarn“ und den „Patrioten Europas“ gleichermaßen schwindelig werden würde. Ein hin und her quer über den Globus. „Multikulti“ ist eine historische Tatsache durch alle Epochen. Andere Behauptungen entstammen einem brodelnden Cocktail aus Hirngespinsten, Verschwörungstheorien und historischer Ignoranz oder sind der braune Bodensatz abgestandener Rassentheorien.

Wir alle tragen Migrations- und Fluchtgeschichten in uns. Oft schon in erster und zweiter Generation vor uns. Daher ist menschliche Empathie und Solidarität weitaus naheliegender als Abschottung und Fremdenhass. Unsere Vorfahren und wir haben Kultur und Gesellschaften entwickelt und Identitäten kreiert. Selbst die Magyaren sind einst ins heutige Ungarn eingewandert und auch in Deutschland hocken die Germanen nicht mehr einsam auf ihren Eichen.

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