Das Wasser hatte fünf Formen bei Baden&Poesie am 18. August 2018 am Lutzschwefelbad im Geröllufer an der Talsohle unterhalb Buchboden im Großen Walsertal. Drei Formen bei den Badegängen der Gäste: Das Wasser direkt aus der Schwefelquelle von hoch oben im Tauchbecken gefasst, das Wasser des wilden Bergbaches, in den einige nach dem Eintauchen in den Schwefelquell stiegen und das durch Holzfeuer auf Körpertemperatur erwärmte Wasser im Ruhebecken für die Badenden.

Zudem kamen aus den Wolkentürmen gewaltige Mengen Wasser zu Boden. Die fünfte Ebene des Wassers an diesem frühen Sommerabend bezog sich auf die ausgewählten Texte zur Lesung. Zu Beginn stand die Geschichte eines Wassertropfens aus der Ewigkeit, der als Schneeflocke ganz hinten im Tal zu Boden schwebte. Hier, für Euch im Trockenen Sitzenden der Anfang der Geschichte:

 

„Ganz hinten im Tal schwebt eine Schneeflocke lautlos, fast unbedeutend aus dem Himmel.

Leicht und ohne Hast dem Grat entgegen.

Der Grat scheint ohne Bedeutung. Nicht besonders hoch, nicht besonders steil.

Einzig, hier scheiden sich die Wasser. Die Wasser Europas.

Die Schneeflocke tanzt in den leichten Winden. Lege ich mich nach hier oder lege ich mich nach dort?

Gehe ich zur Lutz oder zerfließe ich zum Lech? Nur einen Hauch eines Wiegens bestimmen die Wege fortan.

Ein letztes schweben, fallen lassen… alle Wege stehen offen.

Fließe ich mit dem Frühjahr zur Donau und ins Schwarze Meer oder treibe ich zum Rhein und zur Nordsee.

Leicht schwebt sie und fällt, tanzt dem neuen Leben entgegen.

 

Sanft stoppt ihr Schweben und sie bettet ihr kristallenes Kleid zu den vielen, vielen andern. Eine unendliche Ruhe kommt über sie. Aus dem Himmel fällt Flocke für Flocke eine glitzernde Decke.

Ohne einen weiteren Gedanken, ob sie nun hierhin oder dahin geschwebt sein mag, fällt sie wohlgebetet in einen meerestiefen Schlaf.

Sie träumt vom Ziehen in den Wolken. Auf den Wellen des Atlantiks unter ihr tanzen Tausende von kleinen Spiegeln mit dem brechenden Licht der Sonne und fegen in glitzernden Flächen übers offene Meer.

Wolkenleichtes Fliegen hoch über Ebenen, Flüssen und vorbei an Bergen. Vom leichten Tanz der Winde mal zerrissen als Wolkenfetzen und dann wieder zu verschiedenen Fabelwesen am Himmel gequellt. In der Dämmerung schließlich müde und schwer geworden legt sie sich als Tröpfchen auf das einladende Blatt eines Spitzwegerich. In sich den reflektierenden Sternenhimmel bestaunend. Als Morgentau von einem warmen Wind hinauf zur steigenden Sonne gezogen. Höher und höher. …und das Flöckchen schläft tiefer und tiefer. Einen langen Winter lang.

So lange, bis ein Schneefink über das Ende eines ihrer Träume hinaus einfach weiter sang. Gar nicht mehr aufhören wollte zu singen und die Schneeflocke weckte. Ganz hell war ihre Schneedecke und allmählich begann sie zu schwitzen bis sie wieder ganz zum Tropfen zerschmolzen war.

Wenige Meter neben ihr stand plötzlich ein dünnes Murmeltier und guckte in wippenden Bewegungen mal nach links, mal nach rechts, bis es schließlich zu einer steilen Fläche mit braunen, glatten Gräsern davon sprang.

Das Tröpflein lies ein wenig die Sonne in sich spiegeln, dann kullerte es mit der Freude über den Frühling über die weiße Decke hinab. Stellte sich in eine Reihe und tropfte mit anderen hinab auf eine Felsplatte.

Dort rutschten sie wie an einer Kette und machten in einer Kuhle zwischen den Steinen eine kleine Pfütze. Das war ein Plätschern und Gurgeln als von oben fast endlos Perlenketten von Tropfen in der Sonne talwärts glitzerten.

Eine Bergdohle schwebte ohne mit den Flügel zu schlagen heran, winkelte diese an, stürzte zu ihnen herab, breitete die Schwingen vor der Landung aus und setze fast lautlos neben die Pfütze auf. Ihr Kleid glänzte mattschwarz, fast wie tiefdunkles Blau in der sinkenden Sonne. Die Bergdohle trat ein wenig näher, senkte den Kopf und trank einige der Tropfen, andere machten kleine Wellen dazu. Es war allseits eine ausgelassene Frühlingsfreude.

Der fast volle Mond machte die schroffe Steinwelt wieder hell. Das Tröpfchen legte sich ganz starr zu anderen die schützend eine dünne Eisschicht über der Pfütze spannten. Schon in der ersten Sonnenstunde des Morgens begannen von oben wieder neue Tropfen über die Felsplatte nach unten zu rutschen. Erst nur einzelne, dann in Reihen hintereinander. Nach und nach wurden alle wieder munter.

Bald wurde es so voll in der Pfütze, dass sie überlief. Das Tröpflein machte sich mit vielen anderen als Rinnsal auf den Weg in den neuen Kreislauf des Lebens. Andere zogen es vor in den Boden zu versickern, die Unterwasserwelt zu erkunden und später als Quell oder durch ein Loch am Ende einer Höhle wieder an die Oberfläche zu kommen.

In diesem Gschröft traf das Tröpflein bald auf andere Rinnsale, die sich entlang von Steinen kullerten oder in Felsrinnen herab flossen, die Millionen von Tropfen in tausenden von Jahren in den Kalkstein gruben. Der in Millionen von Jahren vom Meeresgrund zum Hochgebirge erwuchs. Zeit ist so unermesslich, die Natur so unbeschreiblich und jedes Leben ein klitzekleiner Teil vom ganzen Wunderbaren. Unser Leben ein Tropfen im Meer. …“

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