Am 25. April feierte die italienische Version „Il secondo trauma“ des Dokumentarfilms „Das zweite Trauma“ im nordtoskanischen Sant´Anna di Stazzema seine Italien-Premiere. Das Dorf war im August 1944 Schauplatz eines der blutigsten SS-Massaker während der deutschen Besatzungszeit in Italien. Die Filmvorführung fand im Rahmen der regionalen Feierlichkeiten zum „Tag der Befreiung“, der in ganz Italien Feiertag ist, statt.

Der italienische Justizminister, Andrea Orlando, nahm den Film des Konstanzer Regisseurs Jürgen Weber in seiner Rede in Sant´Anna zum Anlass, dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck zu widersprechen. Dieser wird im Film mit der Aussage die Mittel des Rechtsstaat würden nicht ausreichen, um die Täter in Deutschland zu verurteilen, gezeigt. Neben Orlando sprach auch Enrico Pieri auf zum 72. Jahrestag der Befreiung an der Gedenkstätte in Sant´Anna. Pieri trat in den fruchtlosen Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft als Nebenkläger auf und ist Protagonist des Dokumentarfilmes.

Der Film beleuchtet ein kaum bekanntes Kapitel deutsch-italienischer Realität. Im Sommer 1944 zogen Einheiten der Waffen-SS eine grausame Blutspur durch die Toskana. „Das zweite Trauma“ für die Überlebenden sind juristische Ermittlungen ohne eine Anklage der Täter in Deutschland.

„Il secondo trauma“ hatte im Rahmen der Feierlichkeiten zum „Tag der Befreiung“ im Museum des Widerstands am Gedenkort Sant´Anna die Erstaufführung in italienischer Sprache. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Gemeinde Stazzema und dem Opferverband „Associazione martiri Sant’Anna“.

Die Überlebenden Adele Padini, Enio Mancini und Enrico Pieri und zahlreiche Angehörige und Nachkommen der Opfer sowie Filmregisseur Jürgen Weber und Mitglieder des deutschen Filmteams waren zur Premiere anwesend.

Schon vor Veranstaltungsbeginn war der Saal mit 90 Sitzplätzen überfüllt und rund 120 Interessierte konnten an der Premiere teilnehmen. Wie ein inzwischen im Internet veröffentlichtest Video zeigt wurde die Vorführung unmittelbar mit dem Abspann mit langanhaltendem Applaus bedacht. Die Überlebenden kamen zur Bühne und waren sichtlich bewegt. Filmregisseur Jürgen Weber machte deutlich, dass nicht ihm, sondern den Überlebenden der Applaus gelte.

In der anschließenden Diskussion ging Weber auch darauf ein, dass es zwar ein einzelner Stuttgarter Oberstaatsanwalt war, der die Verfahren verschleppt und mit einer haltlosen Einstellungserklärung verhindert habe, dass die Täter des Massakers vor einem deutschen Gericht angeklagt werden. Dahinter stehe in deutschen Institutionen und Politik jedoch immer noch eine geistige Haltung, so genannte „alte Kameraden“ und das Ansehen der Wehrmacht zu schützen sowie die Absicht unter keinen Umständen Anlass und Argumente für Entschädigungsforderungen zu liefern.

Eine Zuschauerin erklärte, der Film habe den Opfern ein wenig Gerechtigkeit zurück gegeben. Es sei gut für sie zu wissen, dass der Film von Menschen in Deutschland gesehen werde.

Der Film läuft im Mai im deutschsprachigen Raum in Kinos in Wien, Hamburg und Göttingen. Kinoaufführungen in Italien sind derzeit in Planung.

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