Abbildung oben: Spendenaufruf von 2015

 

Roma-Fonds im Landkreis Konstanz

von 14. Dezember 2015 bis 31. Dezember 2017

Ein Bericht von Jürgen Weber (Roma-Fonds)

___________________________________

 

Ein breites Bündnis von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen aus der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit im Landkreis Konstanz hat mit deren Spenden für Roma-Familien den Fonds getragen. Jeder – ob Kind oder Erwachsener – sollte 100,- Euro für einen halbwegs menschenwürdigen Start nach „freiwilliger“ Ausreise oder nach Abschiebung erhalten. So die Idee.

Seit Dezember 2015 hat der Roma-Fonds an 197 Flüchtlinge aus Westbalkanstaaten im Landkreis Konstanz und ein Ungeborenes kurz vor der Geburt Spendengelder ausbezahlt.

In einem Härtefall einer alleinerziehenden Mutter mit sieben Kindern hat die Sitzung des Roma-Fonds einstimmig beschlossen zusätzlich die Zugfahrt zum Flughafen in Höhe von 184,- Euro zu übernehmen.

Insgesamt kommt der Roma-Fonds bei seinen Auszahlungen vom 14. Dezember 2015 bis zum 31. Dezember 2017 auf 198 pro Kopf-Auszahlungen von je 100,- Euro insgesamt auf 19.800,- Euro sowie 184,- Euro Fahrtkosten. Somit auf einen Gesamtauszahlungsbetrag von 19.984,- Euro.

Demgegenüber stehen zweckgebundene Spendengelder für den Roma-Fonds in Höhe von 23.259,11 Euro. Die Spenden werden zu 100 % an Westbalkanflüchtlinge weitergegeben. Ein Restbetrag von 3.275,11 Euro wird vom Roma-Fonds zur weiteren zweckgebundenen Verwaltung an den Runden Tisch zur Begleitung von Flüchtlingen in Konstanz übergeben.

Soll in Euro Haben in Euro
19.800,- (198 Auszahlung Berechtigte) 23.259,11 (Spenden)
184,- (Auszahlung Fahrtkosten, Härtefall)
3.275,11 (Runder Tisch, weitere Auszahlungen)
23.259,11 23.259,11
0 0

Mit Datum vom 1.1.2018 erklärte mir der Vorsitzende des Runden Tisches zur Begleitung von Flüchtlingen in Konstanz, Herr Hermann-Eugen Heckel, per Email: „In der letzten Sitzung hat der Runde Tisch einstimmig zugestimmt, die restlichen Gelder aus dem Roma-Fonds auf das Konto des Runden Tisches zu übertragen und zunächst einzufrieren, um im Sinne des Roma-Fonds Betroffene zu unterstützen.“

Für weitere Hilfen im Sinne des Roma-Fonds können also wie bisher Gelder abgerufen werden. Wenden Sie sich diesbezüglich direkt an Herrn Hermann-Eugen Heckel hermanneugen.heckel@outlook.com oder zur Vermittlung weiter an mich info@juergenweber.eu.

Der Roma-Fonds löste sich zum 31. Dezember 2017 auf, weil die Zahl der Westbalkanflüchtlinge im Landkreis Konstanz auf 66 gesunken ist (siehe nachstehend).

Ich möchte mich bei allen Aktiven für den Roma-Fonds, allen Spender*innen, allen Sozialarbeiter*innen, die häufig die Flüchtlinge vermittelt haben und nicht zuletzt bei den Mitarbeiterinnen meines Konstanzer Büros sehr herzlich bedanken, die häufig Auszahlungen und Dokumentation übernommen haben.

Ein tolles Projekt geht in eine neue Phase über dessen Beginn Sie hier nachlesen können.

.

Ein Erfolgsprojekt aus der Zivilgesellschaft mit bitterem Beigeschmack
Bewertungen der Entwicklung für Westbalkanflüchtlinge.

Die Initiative des Roma-Fonds wurde gegründet nachdem Monika Schickel und ich für das „Forum Azilon – Asyl und Menschenrecht“ im Oktober 2015 aus Konstanz zurückgekehrte und abgeschobene Roma-Familien in Mazedonien und Serbien besucht hatten und mit erschütternden Berichten über deren Lebenssituation zurückkamen. Von Armut und Diskriminierungen wie keinem Zugang zu Bildung oder zu Gesundheitsversorgung berichten mussten.
Bericht Familio O. aus Bansko bei Strumica in Mazedonien
Bericht Familie K. aus Radovis in Mazedonien

Der öffentliche Bericht führte zur Idee den in Diskriminierung und Armut zurückkehrenden Roma-Familien eine kleine Starthilfe mit auf den Weg zu geben. 2015 gab es noch viele Bindungen von Ehrenamtlichen zu Roma-Familien im Landkreis Konstanz und Solidarität in der Bevölkerung, die sich beispielsweise durch die Unterschriftenaktion „Alle Kinder bleiben hier – keine Abschiebung von Roma-Familien aus dem Landkreis Konstanz“ ausdrückte.

Links zu weiteren Schlaglichtern der Solidarität mit Roma-Flüchtlingen im Landkreis Konstanz aus 2015:
Solidarität statt Antiziganismus
Perspektiven für Roma-Familien aus dem Landkreis Konstanz
Roma-Balkan-Express

 

.

Bundes- und Landesflüchtlingspolitik:
7 von 8 Westbalkanflüchtlinge mussten seit Dezember 2015 den Landkreis verlassen.

Der Aufenthalt von Flüchtlingen aus Westbalkanstaaten im Landkreis Konstanz ist seit Dezember 2015 stark rückläufig. Seit diesem Zeitpunkt wurden auch keine neu ankommenden Flüchtlinge aus Westbalkanstaaten mehr an die Landkreise verteilt, sondern zentral, ohne Integrationsangebote und weitestgehend ohne Kontakt zu ehrenamtlichen Helfer*innen und Anwält*innen untergebracht. Teilweise wurden diese dort mit gezielten Falschberatungen zum Asylverfahren durch Behörden zur „freiwilligen“ Rückreise gedrängt oder mit Sach- statt Geldleistungen als „Flüchtlinge zweiter Klasse“ untergebracht. Der Roma-Fonds hat mit dem Flüchtlingsrat Baden-Württemberg mehrfach gegen diese Diskriminierungen protestiert.

Nach Auskunft des Landratsamt Konstanz befanden sich zum 6. November 2017 noch 66 Flüchtlinge aus Westbalkanstaaten mit Bezug von Asylbewerberleistungen im Landkreis Konstanz.

Im März 2017 waren es noch 126, im Juli 2016 noch 263 und zu Start des Roma-Fonds im Dezember 2015 noch 511 Flüchtlinge aus Westbalkanländern.

Zuletzt (Stichtag 6.11.2017) waren fünf Personen aus Albanien, 22 aus dem Kosovo, 14 aus Mazedonien und 25 aus Serbien und Montenegro im Landkreis untergebracht. Aus Bosnien-Herzegowina hatten bereits alle Flüchtlinge den Landkreis verlassen.

Seit Dezember 2015 haben „freiwillig“ oder durch Abschiebung 445 Westbalkanflüchtlinge den Landkreis verlassen. Rund 45 % davon haben das Angebot des Roma-Fonds wahrgenommen.

181 konnten vor einer so genannten freiwilligen Ausreise Auszahlungen vom Roma-Fonds erhalten. 13 Personen erhielten nach Abschiebung Gelder aus dem Roma-Fonds. Der Roma-Fonds hat sich bewusst dafür entschieden auch Abgeschobene zu unterstützen.
Vier erhielten von einer ehrenamtlichen Helferin Gelder und sind danach nicht ausgereist.

Von den 198 Unterstützten waren 109 Personen noch nicht Volljährig, darunter ein Ungeborenes.

Die Situation für die Minderheit der Roma in Westbalkanländern und osteuropäische Staaten der Europäischen Union verbessert sich nicht. Das ist eine traurige Tatsache. Bei den Sinti und Roma handelt es sich um die einzige Opfergruppe des Nationalsozialismus, die bis in diese Tage in unterschiedlicher Intensität jedoch in allen Ländern Europas Diskriminierungen und Vertreibung ausgesetzt sind. Das ist unfassbar und mehr als beschämend.

2017 wurde eine Gruppe von Roma von den Behörden in Radolfzell von einem Grundstück auf dem sie vom Eigentümer geduldet waren, mit einem großen Polizeieinsatz vertrieben. In Konstanz wurden auch in der Adventszeit bettelnde Roma von der Ortpolizei auf offener Straße wie Verbrecher durchsucht und gefundenes Geld – ohne Nachweis woher es stammt – „beschlagnahmt“. Ich nenne es von den Ordnungsbehörden der Stadt gestohlen! Diskriminierungen sind also nah und aktuell.
Beitrag: „Betteln ist Menschenrecht“

Durch die politische Entscheidung Westbalkanstaaten als sogenannte sichere Herkunftsstaaten einzustufen und die daraus folgenden Sonderbehandlungen, wie zentrale Unterbringungen, ist die Flüchtlingsgruppe vor Ort aus unserem Blickfeld gerückt.

Es blieb auch bei begleitenden Politiker*innen-Worten wie „man müsse die Lebenssituation in den Herkunftsstaaten verbessern“. Geschehen ist nichts. Jüngstes Beispiel dafür ist ein Bericht des Deutschlandfunks, wonach in Mazedonien auch für den Export nach Deutschland Hungerlöhne von monatlich rund 200,- Euro bezahlt werden. Das reicht nicht einmal in Mazedonien zum Leben.

Annähernd 100 % der Roma bekommen erst gar keine Arbeit und müssen sich als Tagelöhner verdingen. Leben von der Hand in den Mund. Mitten in Europa.

Für mich als geschichtsbewussten Menschen ist der Umgang in Deutschland mit Geflüchteten aus Westbalkanländern unerträglich und – um es deutlich und ehrlich zu sagen – erbärmlich. Das „Fremdschämen“ nimmt gar kein Ende mehr.

Weil fast alle der aus Westbalkanstaaten Geflüchteten direkte Nachkommen von NS-Opfern sind. Ihre Angehörigen und Vorfahren wurden registriert, deportiert und systematisch ermordet.
Artikel „Fluchtgrund Roma“

Dennoch: Lassen wir uns nicht entmutigen und stehen wir weiter für Aufnahme und die Rechte von Sinti und Roma und allen Geflüchteten mit Herz, Hand und Verstand ein.

Herzlichen Dank.

Konstanz, 30. Januar 2018

Jürgen Weber

Share Button