Foto (c) Welthungerhilfe

In ihrer Pandemie-Ansprache vom 19. März 2020 spricht die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel via TV-Übertragung zur Bevölkerung: „Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern das ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen.“ Es folgen Einschränkungen mit Grenz- und Schulschließungen , Quarantäne, Schließung der Kultur- und Bildungseinrichtungen, Absagen von öffentlichen und privaten Veranstaltungen. Diese Maßnahmen seien unverzichtbar, um Leben zu retten, so die Kanzlerin.

Umso weiter Ausgangsbeschränkungen und Beschränkungen aller Bereiche des öffentlichen Lebens, Zwangsschließungen von Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel, Wellness- und Fitnessstudios, Geschäfte von Dienstleistern wie Friseure und vieles mehr in der Folge ohne Murren aus der Bevölkerung voran schritt, umso intensiver wurde das Mantra der Verantwortung für die besonders Gefährdeten in Politik und Gesellschaft gesungen. Dem Mantra vom einzelnen „Menschenleben das in Geld nicht aufzuwiegen“ sei, so die Rheinische Post aus Düsseldorf.

Angesichts von steigenden Zahlen der an Covid19 sterbenden Menschen müsse die Beschränkungen hingenommen werden, koste es was es wolle. Doch woher kommt der Sinneswandel in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft?

Beispiel Hunger. 2019 stieg die Zahl der Hungernden weltweit das fünfte Jahr wieder infolge. Über 800 Millionen Menschen hungern. Über 9 Millionen Menschen sterben jährlich an Unterernährung. Risikogruppe für diesen Tod sind eigentlich gesunde Kinder. Ursache dafür: Schuldlos am falschen Ort der Welt geboren. Über 3 Millionen Hungertote jährlich werden keine fünf Jahre alt. Hunger ist keine Krankheit. Keine Menschen werden davon befallen wie von einem Virus.

Hunger muss nicht sein. Die Welternährung ist nur eine Frage des Willens. Lange im Voraus planbar. Jeder Hungertote ist überflüssig. Niemand in Europa müsste spürbar auf etwas verzichten, um dem Sterben ein Ende zu bereiten. Es ist in Hungerregionen nur nichts vom Überfluss der reichen Länder da.

Hungernde sterben ohne Intensivpflegebetten. Für die Kosten eines Intensivpflegebettes könnten zwischen 100 und 200 Kinder jährlich vor dem Hungerstod bewahrt werden. Hierzulande quält uns, sicher zu Recht, die ethische Frage rund um die zeitlich begrenzte Pandemie: „Falls nur ein Intensivpflegebett zur Verfügung steht, welchen Patienten oder welcher Patientin überlasse ich es?“. Bis heute ist dies in Deutschland zum großen Glück übrigens eine theoretische Frage.

Seit Jahrzehnten sterben Millionen von Menschen an Hunger ohne dass es eine breite ethische Debatte darüber gibt. Jede und jeder von uns kennt die Bilder von aufgeblähten Kinderbäuchen. Von Insekten auf den Lippen und um die Augen von sterbenden Kindern. Statistiken von diesen toten Kindern erreichen uns nicht täglich online. Keine und keiner verfolgt sie gebannt in Live-Blogs. Weltweit sterben übrigens 7000 Kinder pro Tag an Hunger. Eine Zahl die jede und jeden Corona-Zahlenjunkie in nackte Panik versetzen würde.

Bei Hungertoten sind diese Zahlen jedoch mediale Randnotizen, höchstens zum Welthungertag eine Erwähnung wert. Kein „Brennpunkt“ und kein „Spezial“ dazu. Keine nachfolgende Sendung verschiebt sich deswegen. Keine Talkshow wird dazu angesetzt. Bildlich gesprochen gibt es kaum mehr als zwei Euro zur Weihnachtskollekte von uns für die Bekämpfung des Welthungers. So ist die Realität um unsere Betroffenheit und Ethik. Gerne würde ich Ihnen und mir damit Unrecht tun.

Beispiel Flucht. Tote Geflüchtete an Europas Außengrenzen sind zwar von uns nicht ganz so unbeachtet wie die Hungertoten, aber rufen politisches Handeln in Europa und Deutschland seit Jahren dennoch nicht auf den Plan. Hier gilt: Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung und Unterlassen der staatlichen Hilfeleistung von in Seenot geratenen Geflüchteten statt Solidarität und Aufnahme.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl schätzt seit Jahren die Zahl der allein im Mittelmeer nicht geretteten und ertrunkenen Geflüchteten auf jährlich mehr als 5000. Jährlich also mehr als in China während der gesamten Covid19-Pandemie gestorbenen Menschen. Der Taz-Journalist und Autor des Sachbuches „Diktatoren als Türsteher Europas“, Christian Jakob, unlängst zu Gast in der Konstanzer Volkshochschule, rechnet, dass auf jeden toten Geflüchteten im Mittelmeer zwei tote Geflüchtete in der Sahara kommen. Über die in lybischen Flüchtlingsgefängnissen erpressten und ermordeten, an Folter und Vergewaltigungen gestorbenen Geflüchteten gibt es keine Statistik.

Wer glaubt, wir alle hätten damit nichts zu tun, irrt. Unser aller Steuergelder bezahlen die lybischen Folterer. Bezahlt von der europäischen Grenzschutzbehörde FRONTEX auch griechische Grenzbeamte, die versuchen Flüchtlingsboote zum kentern zu bringen. Unsere Banken spekulieren mit unserem Geld an den Kapitalmärkten mit Lebensmitteln. Die Preise dafür steigen und damit auch die Hungersnot. 2016 mahnte der deutsche Footwatch e.V. an, dass Maßnahmen zur Eindämmung von Agrarspekulationen an europäischen Marktplätzen ins Leere laufen. In diesen Beispielen tötet kein Virus, sondern unsere Gleichgültigkeit.

Beispiel Grippewelle 2017/18: Bei einem schweren Verlauf der Influenza treten Komplikationen im Bereich der Lunge, häufig Entzündungen der Lunge auf, die dann zum Tod vorwiegend von älteren und vorerkrankten Personen führen können. Die Covid19-Erkrankung bringt also keinen einzigartigen Erkrankungsverlauf mit sich. Da man sich in diesen Tagen schon allein beim Ansprechen der Grippewelle von vor zwei Jahren dem Verdacht eines Verschwörungstheoretikers aussetzt, bleibe ich bei den Zahlen und Informationen der „Hall of truth“, dem Tempel der Wahrheit dieser Tage, dem Robert Koch Institut. Sakrosankt.

Rund 25.000 Tote forderte demnach diese Grippewelle in Deutschland. Diese ging medial und politisch fast beachtungslos an uns vorüber. Niemandem wurden Vorwürfe gemacht ungeschützt alte Menschen zuhause oder in Pflegeheimen zu besuchen. Keine und keiner wurde angeraunzt weil der 1,5 Meter Abstand zum nächsten Menschen mutmaßlich nicht eingehalten wurde. Keine Berechtigten wurden am Übertritt von Grenzen gehindert. Niemand wurde aufgefordert sein Geschäft zu schließen. Schulen und Restaurants blieben selbstverständlich geöffnet.

Wenn 25.000 Tote aus unserer Mitte scheinbar unter der Grenze liegen von denen wir medial und gesellschaftlich Notiz nehmen, bei welcher statistischen Größe oder Prognose stellt sich dann unsere Empathie und Solidarität ein? Oder brauchen wir eine Kanzlerin die uns darauf hinweist, dass es „ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es Menschen sind.“?

Wann ist es verhältnismäßig und vernünftig auf Freiheits- und Persönlichkeitsrechte zu verzichten und die Zerstörung von Millionen Existenzen in Kauf zu nehmen? Die Wirtschaft in eine tiefe Rezession und die Demokratie in die tiefste Krise der Bundesrepublik zu stürzen? Um eine Antwort auf diese Fragen kann sich keine und keiner drücken. In diese Realitäten haben wir, die verantwortliche Politik und auch das Robert Koch Institut uns gebracht.

Oder ist das alles rational nicht zu fassen? Der Verdacht drängt sich auf, dass die Pandemie an Empathie und Ängsten sehr partiell und vielleicht sogar am persönlichen Angstpotenzial seinen Ursprung nimmt?

Hungertod und den Tod von Geflüchteten können wir real mit vergleichsweise wenig Aufwand verhindern oder stark eindämmen. Influenza- oder Covid19-Erkrankungen können wir zwar in ihrer Ausbreitung etwas beeinflussen, für alte und Menschen mit Vorerkrankungen jedoch nie ausschließen.

Ich fühle mich halbwegs im Gleichgewicht. Erlebe die Schönheiten und die Herzlichkeit im Einklang mit dieser Welt. Sehe auch das Unrecht und die schlimmen Realitäten dieser Welt, lebe immer aber auch im Widerstand dazu. Zerbreche jedoch nicht daran und stumpfe auch nicht ab. Ich fühle mich durch Covid19 gesundheitlich nicht sonderlich bedroht. Durch die staatlichen und freiwilligen Maßnahmen bin ich jedoch stark eingeschränkt und sehe wie viele Menschen dadurch in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Das beschäftigt mich sehr und bereitet mir große Sorge. Gibt es eigentlich schon Prognosen wie hoch die Suizid-Rate durch die Folgen der Maßnahmen gegen Covid19 ansteigen wird?

In letzter Zeit versuchen viele am Ende eines Gespräches über das Dauerthema Pandemie noch etwas Positives zu betonen. Bei mir könnte das sein noch deutlicher gegen den angstbestimmten Konsens anzudenken und Hungertote und tote Geflüchtete noch weniger zu akzeptieren und die Gleichheit von Menschenleben einzufordern. Wir brauchen mehr, nicht weniger Grund- und Menschenrechte!

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